Ohne Fleiß kein Schweiß

By konn0r

Ein Winteridyll! Der Schnee liegt unberührt und rein in der Sonne, bedeckt anschmiegsam die Erde und ihre schlafenden Früchte, wie eine Mutter, die ihre Lieben zum Schlafen bettet. Das Problem dabei: Der Schnee liegt auch in unserer Einfahrt und auf meinem Auto. Ich hatte sturmfrei, eine Woche der Besinnung und inneren Einkehr (zumindest tagsüber) liegt hinter mir. Dass die logischen, ja notwendigen Nebenwirkungen eine zugeschneite Einfahrt, ungeleerter Müll und vertrocknete Pflanzen sind, möchte meiner eben heimgekommenen Mutter aber partout nicht einleuchten. Sie wirft mir sogar vor, ich sei einfach ein fauler Sack! Eigentlich habe ich keine Lust auf lange Diskussionen, der übliche, rhetorisch über Jahre ausgefeilte Konter („Selber!“) scheint angebracht. Aber ich fühle mich diesmal wirklich diskriminiert. Was ist bitte falsch daran, alles noch ein paar Mal zu überdenken und zu planen, bevor man aktiv wird? Am Ende hat nämlich alles seinen guten Grund!

Millionen Jahre Evolution sollen jetzt plötzlich für unsere ach so armen Hauspflanzen nicht mehr gelten? Wenn das häusliche Grünzeug sich nicht selber zu gießen weiß, hat es im darwinistischen System eben ausgeschissen. Die Dinosaurier, Einhörner und den deutschen Fußball hat schließlich auch keiner gefragt!

Warum mein Müll überquillt? Ist doch offensichtlich! Wenn niemand die Einfahrt räumt, kann ich ja schlecht den Müll rausbringen, oder? Außerdem kann meine Mutter sich aus den Taschentüchern im Müll und neben dem Computer ihren Lieblingssohn nachklonen, wenn er beim Schneeschippen verschüttet werden sollte! Und wenn das gleich dem ganzen Haus passiert und wir in 200 bis 300 Jahren wieder ausgegraben werden, können die Archäologen der Zukunft aus meinem Müll die Lebensverhältnisse unserer Zeit erforschen: Fett- und zuckerreiche Ernährung, Liebesbriefe mit „Multiple Choice“-Antwortverfahren, indirekte Fortpflanzung über Papiertaschentücher…

Auch die Unordnung allgemein (siehe Schreibtisch) hat ihren Sinn und ihre Berechtigung. Das ist nämlich keine Unordnung, so was nennt man in Fachkreisen „kreatives Chaos“. Zum einen hat man so regelmäßig benutzte Gegenstände immer wieder schnell zur Hand (Vorsicht, das gilt NICHT für Nahrung!), zum anderen kann man sein geistiges Eigentum, Drogen, importierte Ostblockfrauen und waffenfähiges Plutonium so effektiver vor neugierigen Blicken schützen. Chaos dient somit der Privatsphäre und wird darum auch vom Verbraucherschutzminister empfohlen (gilt übrigens immer noch nicht für Nahrung).

So kann man die Konsequenzen der Faulheit (politisch korrekt: „innere Sammlung“, zum Eindruck schinden auf Cocktailparties: „Kontemplation“) für den Anfang rechtfertigen. Der Begriff „Rechtfertigung“ klingt aber selbst nicht angemessen, er ist viel zu schuldbewusst. Gehen wir lieber ein paar, nicht zu viele, Schritte weiter und erfahren, wie nützlich, weltverbessernd… ja lebensrettend Bequemlichkeit sein kann!

So stellten Forscher unlängst fest, dass Stress eine vorzeitige Alterung von bis zu einem Jahrzehnt (!) verursachen kann. Das bedeutet, dass man eine ganze Stilepoche wie die Siebziger verpassen könnte. Bevor sich jetzt alle freiwillig in Berge von Arbeit stürzen und sich intravenös Kaffee spritzen, möchte ich doch anmerken, dass das für jede andere Epoche auch gelten kann, also auch für coole (mit David Hasselhoff und CHUCK NORRIS!!).

Kommen wir zum weltverbessernden Aspekt. Jeder nennenswerte Fortschritt geht auf Bequemlichkeit zurück! Wir waren zu faul zum Tragen, also haben wir das Rad erfunden. Wir waren zu faul zum Laufen, also haben wir noch ein Auto drauf gesetzt. Weil wir zu faul waren, immer selbst nach dem Baby zu sehen, haben wir das Babyphon erfunden. Und wem selbst das zu anstrengend ist – Kondome haben wir auch entwickelt.

Selbst die Geschichte wäre mit konsequenter Besinnung und Bequemlichkeit wohl anders gelaufen. Stellen wir uns folgenden Dialog vor: „Mein Führer, es läuft alles nach Plan, ab 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!“ – „Ach, wässen Sä… äch habe eigentläch garkaine Lost mehr auf den Krääg. Lassen Sä ons läber auf den Bärghof fahrän ond ein bässchen chillön!“
Das hätte uns viele Tote erspart. Es wäre doch auch viel friedlicher gelaufen, wenn Lenin zu faul zum revoltieren gewesen wäre und Robert Oppenheimer lieber Urlaub auf Hawaii gemacht hätte, statt die Atombombe zu entwickeln. Und unsere Spezis im mittleren Osten könnten doch lieber entspannt mit einer „Bloody Mary“ den arabischen Strand genießen, statt Botschaften anzuzünden.

Zu guter Letzt hilft Kontemplation jedem, sich über sich selbst und seine Prioritäten klar zu werden. Lohnt es denn, sich extra vom Sofa zu erheben, um diesem heißen Mädchen die Tür zu öffnen? Gilt das gleiche für meinen Kumpel? Soll ich mir die Zeit nehmen, ihm zu erklären, warum ich ihm nicht geöffnet habe und seine Schwester nicht einmal klingeln musste, um herein gelassen zu werden?

In der Liebe hat die Bequemlichkeit überhaupt vieles einfacher gemacht. Dank der Erfindung des Computers kann man mittels Multitasking problemlos Vielecksbeziehungen aufbauen und pflegen. Man muss sich dazu nicht einmal aus dem Haus bemühen. Dabei ist es egal, ob man vom Kontakt falsche Bilder zugeschickt bekommt oder nicht, Hauptsache sie sind geil. Dann kann meinetwegen der Faker hinter dem PC, z.B. Elke (46) aus Wanne-Eickel oder im Extremfall auch Hans-Werner (59) aus Bitterfeld den Bildern Sprache verleihen, die Illusion muss nur erhalten werden. Auch Schlussmachen war nie so einfach, einfach eine kurze Email mit dem Text „oide, du suckst so d3rbe. cya n00b“ an den überflüssigen Partner (z.B. Sabine Christiansen) schicken und ihn in ICQ auf „Ignore“ setzen. Noch ein Vorteil gefällig? Man kann Frauen in Skype stumm schalten!

Auf der anderen Seite ist Tatenlosigkeit auch ein Partykiller. Wer gezwungenermaßen untätig ist, fühlt sich unausgefüllt, ungebraucht und nutzlos. Das erklärt auch die phantasievolle Nachmittagsgestaltung vieler Lehrer bzw. Lehramtsstudenten. Denn wer einmal seinen inneren Schweinehund besiegt hat, über sich hinaus gewachsen ist, der verspürt kurzzeitig diesen Frieden mit sich selbst, dieses euphorische Glücksgefühl des Stolzes.

Das äußert sich im zufriedenen Strahlen des Mädchens, das sich endlich getraut hat, rückwärts einzuparken, in der heiteren Besonnenheit des Besitzers des neben ihr parkenden Autos, der seine Aggressionen beherrschen konnte, und nicht zuletzt im Lächeln des Beamten im Morgenbus, der aufgestanden und zur Arbeit gegangen ist.

Und ganz ohne Stress geht es eh nicht. Der Chemiestudent mag sich darüber aufregen, dass der nächste Tag mal wieder 10 Stunden Uni bietet, aber der Philosoph schafft es, dagegen zu halten, dass er auch in 3 Tagen wieder „stressigen“ Unialltag – so 3-4 Stunden (inklusive Mittagessen und Anfahrt) – bewältigen muss und das auch noch ernst zu meinen.

Es gilt daher, ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Ruhe zu finden, ein richtiges Maß von beidem, mit dem man lange und glücklich leben kann. Das gilt übrigens auch für Nahrung.

(10.03.2006)

Schlagworte: ,

Eine Antwort schreiben